Mittwoch, 24. Juni 2015

Viel zu tun! Mein letzter Post aus Mendi



11.06.15
Vergangenes Wochenende habe ich es endlich geschafft, nochmals nach Tari zu gehen, um an der dortigen Secondary School ein wenig auszuhelfen. Eigentlich war ja die Idee, dass ich ab Februar dort hätte unterrichten sollen – und im Zuge mich auch um die Fortbildung der naturwissenschaftlichen Lehrer hätte kümmern sollen, aber dann fielen ja zeitgleich die beiden Schwestern aus, die im Büro der Diözese gearbeitet hatten, und so blieb ich ja dann auf Bitten des Bischofs doch in Mendi, versprach aber, mir dennoch einmal die ganzen „Science-labs“ anzuschauen.
…und deshalb fuhr ich am Donnerstag für ein langes Wochenende (am Montag war offizieller Feiertag – Queen’s birthday) nach Tari.
Die Tari Secondary School hat ca. 700 Schüler (für die Lehrerinnen und Lehrer und Genderverfechterinnen und Genderverfechter unter uns: Schülerinnen und Schüler ;-) ) in jeweils vier Klassen pro Klassenstufe und die Stufen sind 9 bis 12. Ein kurzer mathematischer Exkurs zeigt uns, dass dann im Schnitt 175 Schüler pro Klassenstufe und damit knapp 44 Schüler in einer Klasse sind…
Diese Secondary School ist eine private Schule; Träger ist die Diözese.

20.06.15
…und genau dort wurde ich unterbrochen und nun sind es schon wieder 9 Tage später…
Zurück zur TSS (Tari Secondary School):
Die Schulleitung hatte mich wiederholt gebeten, doch zumindest für ein paar Tage in Tari vorbeizuschauen, wenn schon nicht, um selbst zu unterrichten, dann wenigstens, um das ganze Experimentierzubehör, dass die Schule hat, zu sichten und den Lehrern zu erklären, was sie damit anfangen können. Es ist nämlich so, dass die Regierung offensichtlich JEDER Secondary School Zubehör für den „Science“-Bereich schickt – ungefragt. ANSICH ist das ja bestimmt eine großartige Idee, in der Praxis allerdings viel „‘rausg’schmiss’nes Geld“ (wie die Schwäbin in mir sagen würde), denn leider gibt es außer einem Lehrplan (ein DINA4-Heft) und einem „Teachers Guide“ keinerlei Materialien, um zu erklären, was mit all diesen Dingen zu tun sei.
Ich wusste überhaupt nicht, was mich erwartet, mir wurde nur angekündigt, es würden Kisten mit Experimentierzubehör auf mich warten. In meiner (immer noch nicht verflogenen ;-) ) Naivität habe ich mir irgendwie vorgestellt, schöne Experimentierkästen vorzufinden – womöglich noch mit Anleitung (oder so), doch dass mit „Kisten“ wirklich riesige Transportkisten gemeint waren, die nur mit einem LKW transportiert werden könnten, hätte ich mir nicht im Traum vorgestellt. Doch genau so war’s! Als mich der Schulleiter in Mendi abholte, wurde er von einem LKW begleitet – und wie sich herausstellte, sollte der die verbliebenen zwei Kisten transportieren.
Nun ja. Angekommen in Tari stellte ich fest, dass die Leiterin der „Science“-Abteilung auch Chefin der Küche war – ich sag’s ja immer: die Chemiker sind gute Köche – im Labor und auch außerhalb! :-)
Als ich dann das Labor inspizierte, stellte ich fest, dass allerlei Gerätschaften und Chemikalien vorrätig waren und ich fand außerdem, dass die Bedingungen in diesem Labor (ein Laborunterrichtsraum) nicht so waren, dass ich da gerne unterrichtet hätte – also SO, wie es war, nicht; wenn man ein paar Dinge geändert hätte (die Hygiene z.B.) wäre das kein Problem gewesen.
Wie auch immer: Kein laufendes Wasser, Strom nur abends, wenn der Generator angeschaltet wird, kein Abzug, nicht geputzte Tische, eine nicht geputzte Tafel, ein Eimer mit allerlei ekligen Dingen drin, unbeschriftete Chemikalienflaschen, nicht weggeräumte Chemikalien und vor allem auch unsachgemäß gelagerte Chemikalien waren meine hauptsächlichen Beanstandungen.
Dann habe ich mir mal ein Bild über all das verschafft, was bereits in einer vorigen Lieferung geliefert wurde. Dabei habe ich einerseits festgestellt, dass nicht viel davon je benutzt wurde – und andererseits festgestellt, dass es das eine oder andere Gerät gab, von dem ich absolut keine Ahnung hatte, was man damit wohl am besten anstellen sollte (und es gibt dort sehr viele Dinge, die ich zwar kenne, bei denen sich mir aber überhaupt nicht erschließt, was eine Schule damit anfangen soll; diese Meinung hat sich auch nicht geändert, nachdem ich mir dann am nächsten Tag mal die Lehrpläne Chemie und Biologie angeschaut hatte – Physik habe ich ausgelassen, denn die stellvertretende Schulleiterin ist eine indische Schwester, Physikerin und eine tolle Powerfrau, die hat sich selbst viel dort zusammengesucht und erarbeitet, die brauchte meine Hilfe nicht, mit der hätte ich im Gegenzug aber ganz gerne zusammengearbeitet ;-) ).
Am nächsten Tag haben wir dann zusammen die beiden neuen Kisten ausgepackt und haben versucht, alles zu kategorisieren und zu schauen, für welchen Fachbereich was gedacht war.
Manche Dinge, die da ausgepackt wurden, sind wirklich klasse und absolut didaktisch wertvoll. Ein Beispiel wäre eine kleine manuelle Zentrifuge (mit Kurbel): genial, um das Prinzip der Zentrifugation anschaulich zu erklären und wirklich ausreichend für die Lehre. Andere Dinge sind im höchsten Maße unpraktisch, überflüssig und manchmal sogar richtiggehend gefährlich. Ich war zwischendurch kurzzeitig vor einem Herzstillstand: beim Auspacken kam mir eine kleine Glas(!)flasche in die Hände – und darin: Quecksilber. Ohne irgendeine Art von Schutz (innerhalb oder außerhalb oder sonstwo) oder Hinweis auf die Gefahr. Unnötig zu sagen, dass die mitgelieferten Thermometer natürlich auch Quecksilberthermometer waren und dass auch das Natrium entsprechend überhaupt nicht sicherheitsverpackt geliefert wurde. Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhh!!!!
Wer packt diese Kisten – und wer gibt diese in Auftrag – und WER MACHT SICH DARÜBER GEDANKEN??? Ich war und bin wirklich unzufrieden, denn das kostet die Regierung hier sicherlich viel Geld, jede Secondary School mit diesem Zubehör auszustatten. Aber es wäre halt so viel sinnvoller, nur ein Viertel davon wirklich auszuliefern und die restlichen drei Viertel des Geldes dafür zu verwenden, eine Anleitung, Gebrauchsanweisung oder ähnliches mitzuliefern und die Lehrer fortzubilden…

Nun ja, wie auch immer:
Ich hätte dort sicherlich Monate verbringen können, um das alles auszuprobieren und dann alles an die Lehrer weiterzugeben. Da ich diese Zeit nicht hatte, habe ich mich darauf beschränkt, mit den Lehrern durchzugehen,
a.)   was all diese Utensilien sind, die sie da bekommen haben, und wofür man sie einsetzen kann und
b.)   welche EINFACHEN Experimente sie in Chemie und Biologie machen können, die zum Lehrplan passen.
Insbesondere der zweite Punkt scheint ganz gut angekommen zu sein – und es waren auch hier die wirklich ganz einfachen Verknüpfungen zur Alltagswelt, die besonders positiv erwähnt wurden.
(Vielleicht ein Beispiel für die Nicht-Chemiker unter uns: Im Lehrplan steht Diffusion – Verteilung von Stoffen in einem Raum – und Faktoren, die sie beeinflussen. Dass Diffusion temperaturabhängig ist, hat mit Sicherheit jeder schon einmal – unbewusst – festgestellt: hängt man einen Teebeutel in eine Tasse mit kaltem Wasser, sieht man nach einiger Zeit, dass sich die Inhaltsstoffe nur direkt am Teebeutel in Wasser lösen (i.d.R. am Boden der Tasse), und die Verteilung nicht sehr schnell (spontan) geschieht. Gibt man den Teebeutel allerdings in heißes Wasser, ist innerhalb kurzer Zeit das ganze Wasser „farbig“ (von den Teeinhaltsstoffen.)

Ich nehme ein paar Ideen mit nach Hause, wie ich der TSS auch von Deutschland aus helfen könnte – schauen wir mal, was daraus wird. (-> Viel zu tun!)

Mädchen und Frauen
Ein anderer Punkt, der mir, je länger ich hier war, immer deutlicher wurde, ist, wie schlecht die Stellung von Frauen und Mädchen ist, und wie schlecht das Werteverständnis ist.
Mädchen bekommen zwar inzwischen häufiger eine recht gute Bildung (dürfen also länger zur Schule gehen), aber aus dem einfachen Grund, dass das ihren „Wert“ (also materiell gesprochen…) steigert – der Brautpreis geht dadurch deutlich in die Höhe.
Der Kommentar einer jungen Frau, dass sie sich wie ein Schwein fühlt, hat mich sehr nachdenklich gemacht – Schweine (das hatte ich schon einmal geschrieben) haben hier einen sehr hohen ideellen Wert und werden gehegt und gepflegt und dann für tausende Kina verkauft. Entsprechend scheint das mit vielen Mädchen auch zu sein.
Und dann – auf der anderen Seite – kümmert sich aber keiner um diese Mädchen (und natürlich auch nicht um die Jungs) – das Werteverständnis ist katastrophal und Frauen werden sehr häufig nur als Objekte zur Befriedigung der sexuellen Lust angesehen.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Polizisten, Staatsangestellte, Angestellte von besseren Hotels etc. auf der Suche nach „billigen“ Mädchen durchaus direkt in Schulen fahren und die Mädchen mitnehmen (für ein paar Kina „Lohn)…. Die Mädchen lassen sich darauf ein, weil ihnen das kurzzeitig etwas mehr Bargeld verschafft, das sie in der Regel dann aber sofort für irgendetwas ausgeben. Und die „Sugar Daddies“ gibt es hier eben auch.
Irgendwie schrecklich, das alles.
Die Sexualisierung der Gesellschaft hier empfinde ich auch als erschreckend – das beginnt bei Kleinigkeiten – Gesprächen, merkwürdigen Umarmungen,… - und geht hin dazu, dass viele Leute hier irgendwelches pornographisches Material besitzen (aus dem Internet herunterladen, per Handy teilen,…). Der Sprung von der „Steinzeit“ in die Neuzeit ist hier eindeutig zu schnell gewesen.
All dieser Input scheint das Bild zu bestätigen, dass Frauen lediglich Mittel zur Befriedigung der sexuellen Lust sind und so bekomme ich nach und nach einen Einblick in die Realität hier: sexuelle Belästigungen sind an der Tagesordnung und Vergewaltigungen durchaus üblich (merke: ich bekomme sicherlich nur einen klitzekleinen Teil davon berichtet…) – eine Schwester, die letztlich aus einer der Gemeinden hier zurückkam berichtete von einer traurigen Taufe: ein Neugeborenes, schwerst missgebildet – nach Vergewaltigung eines Mädchens durch ihren eigenen Bruder.
Ganz langsam durchbrechen einige Mädchen und Frauen die Mauer des Schweigens – problematisch ist halt, dass das alles oft am „Wantok“-System scheitert – es sind die eigenen Brüder, Väter, Onkels, Cousins,…
à Sehr viel zu tun!

24.06.15
Und heute ist schon mein LETZTER Tag hier in Mendi. Ich kann es kaum fassen.
Die letzten Tage waren voll von Abschieden – Abschiedsessen, Abschiedsgebete, Abschiedsmesse,… - ich wurde reich beschenkt (und das noch viel mehr im nicht materiellen Sinn)!
Ich werde in den nächsten Tagen, wenn ich wieder etwas mehr Zeit habe, noch in Ruhe mehr darüber schreiben, aber heute möchte ich schauen, dass ich dieses noch poste, bevor ich mich aufmache (deshalb auch keine Bilder diesmal – die werden aber nachgeliefert, versprochen!)
Mein Reiseplan:
25. bis 30. Juni: Lae
30. Juni bis 9. Juli: Rabaul
9. bis 13. Juli: Port Moresby
13. bis 17. Juli: Brisbane
17. Juli bis 4. August: Sydney
und dann mache ich mich über Brisbane und Singapur wieder auf den Weg nach Frankfurt, wo ich am 6. August ankommen sollte.

Morgen geht es also los; ich kann es wirklich kaum fassen, dass meine Zeit in Mendi schon zu Ende ist. Ich bin sehr froh, dass ich noch etwas reisen darf, sonst wäre der Abschied von hier noch schwerer.
Ich durfte hier so viel Gutes erfahren und wurde durch die Zeit so bereichert – ein Teil meines Herzens wird hierbleiben, wie ich wohl auch in den Herzen vieler Leute hier zurückbleibe.
Am Sonntag hat Bischof Don am Schluss verkündet, dass dies mein letzter Sonntag hier war, er hat mir gedankt und mit folgenden Worten geschlossen:
„Yu mas kam bek sampela taim!“ (Du musst einmal/ irgendwann zurückkommen)

:-) …ich glaube, darauf sollte ich besser hören!

Einen letzten ganz herzlichen Gruß aus dem Hochland von PNG – aus „beautiful Mendi“!

...und weiter geht der Weg...

1 Kommentar:

  1. Ein Stück von Deinem Herzen wird vermutlich in Mendi bleiben, oder? ;-) Ich wünsche Dir sehr, dass Ihr den Kontakt halten könnt und dass Du wieder einmal dorthin zurückkehren darfst. Sei behütet auf Deiner weiteren Reise! Lieben Gruß!

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